Ich beginne festzustellen, dass ich immer mehr davon wegkomme, der perfekte Ehemann für meine Mutter sein zu wollen. Und somit auch von dem Bild abrücke, dass ich jetzt sofort meine Traumfrau finden muss, um das Leben meiner Eltern in einer frühen Ehe dann nachzuleben. Ich denke, ich habe hier große Fortschritte gemacht.

Deshalb beginne ich mich zu Fragen was eigentlich der Sinn meines Lebens ist und worin dann mein Glück liegt. Denn nach meiner bisherigen Vorstellung wäre ich erst glücklich, wenn ich viel Geld verdiene, eine gutaussehende Frau und ein Haus und Kinder habe.

Ich denke aber heute, dass es das nicht sein kann. Zu schnell hat man seinen Job verloren, die Frau geht fremd, das Kind stirbt. Ich glaube, dass man sein Glück jeden Tag in seinem Alltag finden können muss. In der Kommunikation und Interaktion mit anderen Menschen. Denn diese Dinge wird man immer haben, ob man arm ist, krank ist oder sonst was ist. Ich habe nichts davon, wenn ich mein Glück nur in der fernen Zukunft erreichen kann und folglich bis dahin nicht glücklich sein kann.

Vor dem Hintergrund einer solchen Lebenseinstellung sollte ich auch eher ein kleiner Anwalt für alles werden als der Fachanwalt, der mehr Geld verdient, dafür aber einen beschisseneren Job hat.

Jetzt gilt es erstmal das Examen zu schreiben. Ich sge zwar immer, ich stehe vor einem tiefem Abgrund und drohe ständig das Gleichgewicht zu verlieren und runter zu fallen (also in Panik und Untergangsfantasien auszubrechen, aber die Wahrheit ist, dass der Abgrund nur 1,20 Meter tief ist, denn sollte alles schief laufen habe ich immer noch einen zweiten Examensversuch, für den ich mich nochmal zusätzlich 5 Monate vorbereiten kann.

Ich überlege immer, ob Aufregung und Angst jetzt noch einen Sinn haben und ich denke nicht. Ich sehe ihn aber nicht. Ich könnte dann nur nicht nicht schlafen und nicht gescheit essen. Und das bisschen mehr, dass ich dann jetzt aus Angst noch lernen würde, würde das nicht aufwiegen.

Das einzige Problem, dass ich noch habe, ist die Angst davor meine Muskelmasse zu verlieren. Wer bin ich denn ohne Muskeln? Würde mein Leben anders verlaufen? Nein, ich denke nicht.

Ich habe Angst davor in einen Zustand aus meiner frühen Schulzeit zurückzuverfallen. In dem ich wehrlos wahr und mich nicht männlich gefühlt habe. Aber in diesen kann ich heute gar nicht mehr zurückfallen. Ich will doch auch nicht nur wegen meinem Körper geliebt werden. Denn ist es so, drohe ich ja auch ständig diese Liebe wieder zu verlieren. Und 95 % aller Männer haben keinen besonderen Körper.

Charakter und Persönlichkeit, der Umgang mit anderen, dass sollte der Grund sein, warum man geliebt wird. Das wird man auch niemals verlieren.

Was noch wichtig ist für das Examen ist, dass ich mir immer wieder in Erinnerung rufe, dass es die perfekte Klausur gar nicht geben kann und auch in der Realität Perfektion nicht geben kann, denn jeder definiert sie für sich anders und somit ist Perfektion ein unerreichbarer Zustand und dem hinterherzueifern sinnlos. Vielmehr hält der Drang nach Perfektion einen davon ab gut zu sein.Kein mensch kann perfekt sein. Jeder kann nur so viel geben, wie er geben kann.

Stay cool and don’t try to be perfect!

Heute hat mir mein Vater gedankt, dass ich seinen Platz eingenommen habe all die Jahre und mir gesagt, es tut ihm leid, dass ich ihn solange einnehmen musste. Ich muss ihn jetzt nicht mehr einnehmen.

Der einzigen Erwartung der ich jetzt noch gegenüber stehe, ist einen angesehenen Beruf zu haben, und das werde ich ja aller Voraussicht nach haben. Ich muss nicht das Gegenbild von meinem Opa sein, sondern kann ich selbst sein.

Ich trage jetzt nicht mehr die Verantwortung, die ich in der Postion meines Vaters jahrelang getragen habe oder tragen musste. Ich muss nicht mehr der perfekte Ehemann für meine Mutter sein. Ich kann jetzt ich selbst sein und mein Leben leben.

Der Vorhang wurde geschlossen.

Ich bin auf der Flucht, auf der Flucht vor einem Ich, dass ich nicht oder nicht mehr sein will. Doch warum?

Diese Flucht vor etwas findet in vielem seine Ausprägung. Am intensivsten noch in meinem äußeren Erscheinungsbild. Die Vorstellung so dünn und unmuskulös zu sein, wie vor 4 Jahren erzeugt in mir eine riesige Angst. Eine Horrorvorstellung. Als Konsequenz habe ich Angst davor auch nur ein klitzekleines bisschen an Muskelmasse zu verlieren. Doch woher kommt das?

In meiner Jugend wurde ich von meiner Mutter immer wieder dazu ermahnt, bloß nie so zu werden, wie mein Vater, denn der sei genauso schlimm wie sein Vater und unausgesprochen auch so schlimm, wie ihr eigener Vater.

Beide Großväter von mir waren Tyrannen, die Herren im Haus, die alle nach ihrer Pfeife haben tanzen lassen, Kinder wie Frauen. Meinen eigenen Vater habe ich in meiner Jugend und der langjährigen Krise meiner Eltern genauso erlebt. Emotionslos, kühl, gnadenlos, unfehlbar. Die gleichzeitige Ermahnung durch meine Mutter, bloß nie so zu werden, war ein Auftrag für mich, den ich mir auch selbst auftrug. Wenn ich ihn erfüllen würde, würde ich von meiner Mutter bedingungslos geliebt werden und auch von allen anderen Frauen.

Der Auftrag war: Werde nicht so wie dein Vater und deine Großväter!

Ich hatte somit drei starke negative Rollenbilder an denen ich mich orientieren konnte, um meine eigene männliche Identität zu entwickeln.

Allerdings liegt in einem solchen Auftrag ein großes Problem. Auch wenn man trotzdem noch scheinbar viel Freiheit in der eigenen Entwicklung hat, ist sie trotzdem eingeschränkt. Man kann nicht man selbst werden!

Denn wenn man einfach nur man selbst ist, läuft man Gefahr, dass Teile dieses Selbst sich mit dem negativen Vorbild, dass man gerade vermeiden will, überschneiden.

Indem ich also immer darauf geachtet habe nicht wie mein Vater zu sein, konnte ich aber auch nicht ich selbst werden.

Das Problem: Wenn ich Teile dieses negativen Vorbildes erfüllt hätte, hätte das nicht nur bedeutet, dass ich nicht geliebt werde bzw. liebenswert bin; viel schlimmer noch, ich würde zutiefst gehasst werden.

Da ich nun also Angst haben musste, wenn ich einfach nur ich selbst sein würde, teilweise doch wie dieses negative Vorbild zu werden, habe ich das einzig logische gemacht: Ich bin nicht ich selbst geworden, sondern das möglichst starke Gegenteil von dem negativen Vorbild.

Denn je weiter ich von diesem Vorbild entfernt bin, um so weniger laufe ich Gefahr es vielleicht doch zu erfüllen.

Und jedesmal, wenn ich das Gefühl habe, mich von dem Gegenteil dieses Negativvorbildes ein Stück zu entfernen und damit dem Negativvorbild ein Stück näher zu kommen, gerate ich in Panik.

Und so befinde ich mich ständig auf der Flucht.

Ich habe bisher in meinem Leben alles sehr ernst gemacht. Ich hatte in meinem Leben fast nie Spaß, da ich alles nur gemacht habe um meine Vision zu erreichen, also die Vorstellung der perfekte Ehemann zu sein.

Nur wenn ich dieses Ziel irgendwann mal erreiche, bin ich glücklich. Das würde aber bedeuten, dass ich mein Leben lang unglücklich wäre, wenn ich dieses Ziel erst mit 50 erreiche (mal ganz davon abgesehen, dass ich es sowieso nicht erreichen kann).

Ich muss endlich eine eigene Vorstellung von mir und meiner Zukunft entwickeln – und zwar für mich und nicht für andere. Den bisher habe ich keine eigene, sondern nur die unrealistische Perfektionismus-Vision – und die baut nur auf dem auf, was andere von mir erwarten.

Mein Ziel ist es innerlich ausgeglichen zu sein und Zufriedenheit mit mir zu erreichen. Diese emotionale Zielsetzung glaube ich aber nur zu erreichen, wenn ich es schaffe, meine Idealvorstellungen zu verwirklichen. Dabei kann ich dieses Ziel gerade nur erreichen, wenn ich es schaffe, mich von diesen idealvorstellungen zu verabschieden.

Ich muss mir klar machen, dass es mein perfektes Ich nicht gibt. Genauso wenig gibt es aber auch das Versager-Ich. Also das Ich, das nicht geliebt wird, versagt hat, nichts wert ist.

Mich jetzt mit Frauen zu beschäftigen und erst recht eine Beziehung würde mich jetzt nur emotional belasten und vom Lernen abhalten. Denn wenn ich jetzt in einer Beziehung wäre, stände ich permanent unter dem Druck beweisen zu müssen, dass ich perfekt bin oder es wert bin geliebt zu werden. Ich müsste vor diesem Hintergrund permanent die Angst haben augenblicklich verlassen zu werden, sobald ich mal keine perfekte Leistung abliefere.

Hinter all meinen Problemen und Ängsten steht ja eigentlich die Angst Verlassen zu werden – die Angst vor Liebesverlust.

Da dies aus der Beziehung zu meiner Mutter herrührt, könnte man genauer sagen, dass hinter allem eigentlich die Angst steht, dass meine Mutter mich nicht mehr liebt, wenn ich nicht die Ideale (des perfekten Ehemannes) erfülle, die meine Mutter mir in meiner Jugend immer wieder vermittelt hat.

Ich denke, in den Augen einer anderen Frau versagt zu haben, da ich es nicht geschafft habe, der perfekte Mann zu sein. Tatsächlich ist es für mich in diesen Momenten aber gar nicht mal ein Versagen der Frau gegenüber, sondern eher ein Versagen meiner Mutter gegenüber. – In dem Moment, habe ich natürlich einmaldie Angst von der bestimmten Frau verlassen zu werden – tatsächlich steckt dahinter aber ja der Gedanke in den Augen meiner Mutter versagt zu haben und von dieser somit nicht mehr geliebt zu werden.

Dabei ist es ja eigentlich so, dass meine Mutter mich so liebt, wie ich bin und gar nicht den Anspruch an mich hat, den ich mir immer vorgestellt habe.

Ich habe in den Augen meiner Mutter immer das dargestellt, was mein Vater nicht war. Heute, da sich meine Eltern wieder lieben, kann man jedoch sehen, dass mein Vater jetzt immer noch nicht der perfekte Ehemann ist, den sich jede Frau eigentlich wünschen würde bzw. den sich speziell meine Mutter gewünscht hat.

Daraus kann ich erkennen, dass der Anspruch an den idealen Ehemann, den ich mir immer vorstelle, real auch von meiner Mutter gar nciht verlangt wird – im Prinzip ja auch nicht verlangt werden kann, da es unmöglich zu erfüllen ist.

Hinter allem was ich tue steckt die Angst verlassen zu werden, die Angst vor Trennung, die Drohung verlassen zu werden.

Dahinter steckt ja, dass es für mich ein Versagen ist, wenn ich verlassen werde oder wenn ich selbst eine Frau verlassen sollte. Denn es bedeutet, dass ich die Ansprüche, die meine Mutter an mich hat, nicht erfüllen kann. Also den Anspruch alles in einer Beziehung für die Beziehung zu tun und bis zum letzten um die Beziehung zu kämpfen, im Ergebnis eben der perfekte Partner zu sein, der alles für seine Frau macht.

Indem Moment in dem ich diese Anforderungen nicht erfülle, habe ich das Gefühl, dass auch meine Mutter sich von mir abwendet, da ich in ihren Augen versagt habe bzw. nicht besser bin als mein Vater.

Dieses Szenario erlebe ich in jeder Beziehung, die sich zwischen mir und einer Frau auch nur andeutungsweise anbahnen könnte, wieder.

In Bezug auf meine aktuelle Situation ist es deshalb jetzt wichtig für mich, mich auf mich zu konzentrieren und auf meine Bedürfnisse und mich nicht immer daran zu orientieren, dass ich bloß alles so mache, dass ich in den Augen möglicher Partnerinnen möglichst den Ansprüchen, die mir meine Mutter eingepflanzt hat, genüge.

Deshalb sollte ich es im Moment lassen, nach einer Freundin zu suchen. Denn auch in einem halben Jahr, wenn die Lernerei für das Examen endlich ein Ende hat, wird es noch Frauen geben, die Interesse an mir haben, genauso wie es jetzt der Fall ist.

Das schließt natürlich nicht aus, dass ich Frauen kennenlernen kann. Aber über einen schönen Abend hinaus habe ich im Moment keine Zeit. Ich muss zu ihenn sagen: „Gib mir deine Telefonnummer. In einem halben Jahr melde ich mich dann mal wieder bei dir.

Gegenüber Frauen hemme ich mich selber.

Ich glaube, ich müsste einer Frau gegenüber, die ich ansprechen will, gleich von Anfang an, alles perfekt machen. Einfach um von vornherein das Bild eines idealen Partners zu erfüllen.

Dahinter steht natürlich der Anspruch, dass ich eigentlich ja auf der Suche nach der Liebe meines Lebens bin. Jede Frau die ich anspreche also eine potentielle Ehefrau ist. Das ist Auswirkung der Illusion, dass ich jetzt die Frau meiner Träume kennenlernen muss, und die Ehe meiner Eltern nachleben will.

Das hemmt mich dann natürlich in doppelter Weise. Einmal, weil ich mir dann oft unsicher bin, ob die Frau, die ich ansprechen will, überhaupt meine Traumfrau sein kann. Und zweitens, weil ich dann wenn ich mich dafür entscheide, dass das möglicherweise sein könnte, ich eben von Anfang an der Traumtyp sein möchte, der selbstbewusst, gewusst wie, eine Frau anspricht.

Deshalb muss ich mich von meiner Zukunftsillusion befreien und gerade in Bezug auf Frauen immer von Tag zu Tag denken. Und nie darüber nachdenken, was in der Zukunft passieren könnte.

Das Problem ist, dass ich immer denke Erwartungen erfüllen zu müssen. Erwartungen, die ich an mich habe, und von denen ich ausgehe, dass auch andere sie an mich haben.

Das hemmt mich und macht mich unsicher. Denn zunächst sind das ja oft überhöhte, nicht erfüllbare, aber realistisch auch gar nicht geforderte Erwartungen, die meiner perfektionistischen Seite entspringen.

Zum anderen meine ich aber auch immer die Erwartungen von ALLEN erfüllen zu müssen. Dabei ist das realistisch nur unter großer Selbstaufopferung möglich.

Das dahinterstehende Denkmuster ist fast kindlich-illusionär, denn die Schlussforlgerung, die ich für mich ziehe, lautet: Wenn ich alle Erwartungen erfülle und das auch noch unter Selbstaufopferung, dann macht mich das zu einem guten, liebenswerten Menschen. Die (lediglich innere) Schlussfolgerung daraus ist, dass ich nicht liebenswert bin, wenn ich Erwartungen nicht erfülle.

Ich habe von klein auf gelernt, dass es gut ist, wenn ich verantwortlich handle, mich selbst zurücknehme, rücksichtsvoll bin. Sobald ich das nicht mehr bin, bin ich schlecht, nicht liebenswert und somit nichts wert.

Deshalb muss ich lernen  mehr auf mich selbst zu achten und nicht nur immer die Erwartungen anderer erfüllen zu wollen. Ich muss lernen zu sagen: „Sei mir nicht böse, aber…“

Klar ist auch, dass es einfach nicht realistisch ist und eher ein „kindlich-magischer“ Gedanke, dass man es schaffen könnte, es allen recht zu machen, obwohl das realitisch nicht möglich ist.

Ich muss lernen auch damit umzugehen, dass andere auf mich sauer sind. Und ich mir gleichzeitig klar machen, dass es normal ist, dass man nicht immer die Erwartungen aller erfüllen kann.

Entscheidend ist der Gedanke, was passiert denn tatsächlich, wenn ich eine bestimmte Erwartung nicht erfülle. Nichts. Die einzige Konsequenz ist, dass ich von mir selbst enttäuscht bin, was aber oft noch nicht mal heißt, dass es andere überhaupt sind.