Ich bin auf der Flucht, auf der Flucht vor einem Ich, dass ich nicht oder nicht mehr sein will. Doch warum?
Diese Flucht vor etwas findet in vielem seine Ausprägung. Am intensivsten noch in meinem äußeren Erscheinungsbild. Die Vorstellung so dünn und unmuskulös zu sein, wie vor 4 Jahren erzeugt in mir eine riesige Angst. Eine Horrorvorstellung. Als Konsequenz habe ich Angst davor auch nur ein klitzekleines bisschen an Muskelmasse zu verlieren. Doch woher kommt das?
In meiner Jugend wurde ich von meiner Mutter immer wieder dazu ermahnt, bloß nie so zu werden, wie mein Vater, denn der sei genauso schlimm wie sein Vater und unausgesprochen auch so schlimm, wie ihr eigener Vater.
Beide Großväter von mir waren Tyrannen, die Herren im Haus, die alle nach ihrer Pfeife haben tanzen lassen, Kinder wie Frauen. Meinen eigenen Vater habe ich in meiner Jugend und der langjährigen Krise meiner Eltern genauso erlebt. Emotionslos, kühl, gnadenlos, unfehlbar. Die gleichzeitige Ermahnung durch meine Mutter, bloß nie so zu werden, war ein Auftrag für mich, den ich mir auch selbst auftrug. Wenn ich ihn erfüllen würde, würde ich von meiner Mutter bedingungslos geliebt werden und auch von allen anderen Frauen.
Der Auftrag war: Werde nicht so wie dein Vater und deine Großväter!
Ich hatte somit drei starke negative Rollenbilder an denen ich mich orientieren konnte, um meine eigene männliche Identität zu entwickeln.
Allerdings liegt in einem solchen Auftrag ein großes Problem. Auch wenn man trotzdem noch scheinbar viel Freiheit in der eigenen Entwicklung hat, ist sie trotzdem eingeschränkt. Man kann nicht man selbst werden!
Denn wenn man einfach nur man selbst ist, läuft man Gefahr, dass Teile dieses Selbst sich mit dem negativen Vorbild, dass man gerade vermeiden will, überschneiden.
Indem ich also immer darauf geachtet habe nicht wie mein Vater zu sein, konnte ich aber auch nicht ich selbst werden.
Das Problem: Wenn ich Teile dieses negativen Vorbildes erfüllt hätte, hätte das nicht nur bedeutet, dass ich nicht geliebt werde bzw. liebenswert bin; viel schlimmer noch, ich würde zutiefst gehasst werden.
Da ich nun also Angst haben musste, wenn ich einfach nur ich selbst sein würde, teilweise doch wie dieses negative Vorbild zu werden, habe ich das einzig logische gemacht: Ich bin nicht ich selbst geworden, sondern das möglichst starke Gegenteil von dem negativen Vorbild.
Denn je weiter ich von diesem Vorbild entfernt bin, um so weniger laufe ich Gefahr es vielleicht doch zu erfüllen.
Und jedesmal, wenn ich das Gefühl habe, mich von dem Gegenteil dieses Negativvorbildes ein Stück zu entfernen und damit dem Negativvorbild ein Stück näher zu kommen, gerate ich in Panik.
Und so befinde ich mich ständig auf der Flucht.