Als ich 12 Jahre alt war standen meine Eltern kurz vor einer Trennung und ich stand auf der Seite meiner Mutter. Ich habe gesehen, wie meine ganze Familie, meine Schwestern und meine Mutter darunter gelitten haben, dass mein Vater nicht eingesehen hat, dass er sich ändern muss, wenn er seine Familie nicht verlieren möchte. Auch ich habe sehr darunter gelitten, aber insbesondere darunter, dass meine Mutter so gelitten hat. Ich selbst durfte nicht nach außen leiden, weil ich für meine Schwestern und meine Mutter dasein wollte.
Ich habe dann für mich nach einem Ausweg aus diesem Leid gesucht und habe für mich den Weg gefunden, der mir in der damaligen Situation Leid erspart hat. Ich habe mich selbst über meinen Vater gestellt, indem ich mir sicher war, dass ich es in meinem späteren Leben in einer Partnerschaft nie dazu kommen lassen würde, dass die Beziehung aufgrund meiner mangelnden Einsichtsfähigkeit zerbricht. Gleichzeitig habe ich damals als 12jähriger einen Ausweg darin gefunden, Ersatzpartner für meine Mutter zu spielen, indem ich all das war, was aus meiner Sicht mein Vater nicht war. Ich habe ihn damals verachtet.
Meine Mutter hat diesen meinen Weg bestärkt, indem sie mir immer eingebläut hat, bloß nie so zu werden , wie meinVater. Meinem Vater gegenüber hat sie auch immer betont, in welchen Punkten ich in ihren Augen ihm „überlegen“ bin. Das hat mich natürlich darin bestärkt einen Ausweg aus meinen Leiden in der Erfüllung dieser „Rollen“ zu suchen.
Zum einen in der Rolle als Ersatzpartner für meine Mutter, zum anderen in der Vorstellung es in meinen zukünftigen Beziehungen nie zu einer Trennung kommen zu lassen.
Gleichzeitig habe ich in diesem Alter in der Schule eine Außenseiterrolle gehabt. Ich wurde „gemobbt“, sei es wegen meiner Kleidung oder in der Sportumkleide wegen der Tatsache, dass ich eben ein Spätentwickler war. So habe ich angefangen mein Selbstwertgefühl aus der Rolle zu ziehen, in die ich mich schon wegen der Ehekrise meiner Eltern gedacht habe. Ich habe mich darüber definiert, dass ich in Beziehung zu meiner Mutter ein besserer Partner wäre, aber insbesondere über die Tatsache, dass ich mir klar gemacht habe, ich möchte für alle spätere Partnerinnen der perfekte Freund/Partner sein. Während es in meiner damaligen Situation sicher ein kluger Ausweg aus meiner miserablen Lage war, leide ich heute darunter, dass ich nie aufgehört habe mich über diese Rolle zu definieren.
Über die Jahre wurde ich in diesem Weg auch immer weiter bestärkt. So habe ich immer genau zugehört, wenn meine Schwestern mir erzählt haben, was für Scheiße Männer in Beziehungen bauen. Und ich habe besonders aufmerksam die Frauenzeitschriften meiner Schwestern gelesen, um zu erfahren, wie ich mich als „perfekter Partner“ in einer Beziehung zu verhalten habe, wie ich es den Frauen Recht machen kann.
Da ich mein gesamtes Selbstwertgefühl, mein gesamtes Ich auf dieser Rolle aufgebaut habe, setze ich mich auch heute noch besonders unter Druck. Denn in einer Beziehung muss ich meine eigenen hohen Anforderungen an mich auch erfüllen. Jedes Scheitern einer Beziehung ist für mich ein Versagen, ein Ausdruck einer Wertlosigkeit. Und was ist schlimmer, als sich als Person, als Mensch wertlos zu fühlen?
Das hat zu mehreren Effekten geführt.
Ich habe auf der einen Seite schon immer eine riesige Sehnsucht nach einer Beziehung. Einer Beziehung, in der ich in meiner Rolle aufgehen kann, in der ich mir beweisen kann, dass ich der perfekte Partner bin, dass ich liebenswert bin, dass ich als Mensch etwas wert bin, dass ich wirklich besser bin als mein Vater damals. (Interessanterweise habe ich daraus auch den Umkehrschluss gezogen, dass ich auch nur die hübschesten Frauen als Freundin verdient habe, da ich ja so ein perfekter Partner bin.)
Für mich ist mein Leben nichts wert, wenn ich nicht meine „Rolle“ erfüllen kann. Denn meine gesamte Lebensplanung ist darauf ausgerichtet nicht für mich etwas zu machen oder nach dem zu streben, was mich glücklich macht. Es geht nur darum, der perfekte Partner, am besten der perfekte Ehemann zu sein. Allein darin sehe ich meinen Lebenssinn.
Der andere Effekt ist, dass ich extrem schüchtern bin und Frauen nie anspreche. Ich stelle mir vor, dass ich ein so perfekter Partner wäre, dass ich es eigentlich jeder Frau Recht machen können müsste. Den Grund für eine Ablehnung sehe ich dann darin, dass ich eben nicht die Rolle erfüllen kann, in deren Erfüllung alleine ich meinen Lebenssinn sehe. Jede Ablehnung erlebe ich als komplettes Versagen als Mensch. Diese Angst ist so stark, dass ich nie derjenige sein kann, der den nächsten Schritt macht, wenn ich eine Frau kennenlerne. Außer in dem Fall, dass ich 200prozentig sicher bin, dass die Frau nich sicher nicht ablehnen wird. Dass folglich die Zahl meiner bisherigen Freundinnen seeehr gering ist, ist da sicher nicht überraschend.
Meine Rolle in einer Beziehung sehe ich der eines Ehemanns gleich, denn das ist ja auch die Rolle, die ich eben besser ausfüllen möchte, als mein Vater es gemacht hat. Das hat aber zur Folge, dass ich keine Beziehung führen kann, die nur locker nebenher läuft oder die etwas offener ist. Affären kommen da schon gar nicht in Frage. Denn ich will mich ja unbedingt beweisen und die Bestätigung dafür haben, dass ich ein perfekter, ehemanngleicher Partner bin.
Die beiden großen Beziehungen, die ich hatte, waren folglich auch an Intensität nicht zu übertreffen. Wie intensiv dann die Trennung für mich war, muss ich glaube ich nicht erläutern. Jede hat mich in eine schwere Depression geführt.
Und so bin ich mmer noch gefangen. Denn ich habe keine Freundin, weil ich zu große Angst vor Ablehnung und dem Versagen in meiner Rolle, über die ich mich definiere, habe. Ich sehne mich aber nach einer Freundin, weil ich nur glücklich sein kann, wenn ich in einer Beziehung meine Rolle ausfüllen kann und so das Gefühl habe, etwas wert zu sein.
Für mich ist es wichtig festzustellen, dass diese Flucht in das Selbstbild des „perfekten Partners“ im Alter von 12 jahren sicher ein guter Ausweg aus meinem Leid und meinen Selbstzweifeln war. Aber dass ich mich heute nicht mehr in der damaligen Situation befinde. Ich muss lernen, mein Selbstwertgefühl, meinen Lebenssinn nicht mehr aus der Erfüllung dieser Rolle heraus zu sehen. Aber wie einfach ist das wohl, wenn man über 10 Jahre lang diesem Verhaltensmuster gefolgt ist?